Weihnachtszauber 2016

Unikate von einem Original

Krippenszenen für die Ewigkeit von Siegfried Prüll

Foto: Norbert Eimer
Foto: Norbert Eimer
Der Mann zieht eine Zigarettenschachtel aus seiner Manteltasche. Mit zusammengekniffenen Augen wandert sein Blick über jedes Detail, das sich in dem Schaukasten zeigt: das Holzrad, angestrahlt von unsichtbarem Licht irgendwo im Stall, den Gesichtsausdruck des Hirten – seine Hände skizzieren auf dem kleinen Päckchen jene Szenerie. Die beiden Kinder lauschen den schicksalsschweren Worten ihres Vaters: „Das ist eine echte Krippe, nicht so ein windiges Vogelhäuschen, das wir eben auf dem Christkindlmarkt gesehen haben, eine echte Krippe …“ Zuhause macht sich Siegfried Prüll ans Werk und baut die Krippe nach, die bekritzelte Zigarettenschachtel konzentriert anvisiert. Wir schreiben das Jahr 1984. Als die Kinder an diesem Heiligabend vor dem Christbaum stehen, thront die Krippe mächtig davor. Die Farbe auf den Dächern ist noch feucht.

Foto: Norbert Eimer
Foto: Norbert Eimer
Zeitsprung in die Gegenwart. Hier oben im Dachgeschoss reiht sich eine Weihnachtskrippe an die andere. Allesamt Unikate. Allesamt entsprungen aus der Phantasie und den Händen von Siegfried Prüll. Wie ein sorgsamer Hirte führt der Burglengenfelder von einer Krippenszenerie zur nächsten, seine Leidenschaft vereint sich mit fachlichem Wissen. „Sehen Sie hier, eine Schneekrippe – und gleich dort die Wurzelkrippe.“ Feiner … ja, was eigentlich? Feiner Pulverschnee bedeckt die winterliche Schneelandschaft, wir greifen hinein und reiben Daumen und Zeigefinger aneinander. Es handelt sich um Puderzucker mit einem kleinen Hauch von Glimmer. Der Krippenbauer erzählt von einer Geheimrezeptur des „Krippenmörtels“ und seinen Zutaten. Er erzählt, dass der Gebäudeputz von orientalischen Krippen mit feinem Schleifstaub untermengt wird, jedoch der von heimatlichen Krippen mit Sägespänen hergestellt wird, da man hier einen raueren Verputz benötigt. Wenige Schritte weiter. Aus der Wurzelkrippe erheben sich majestätisch kräftige Wurzeln, die in allerlei Verzweigungen führen. Man könnte wohl stundenlang davorstehen, jahrelang – und immer wieder Neues entdecken. „Die Gitterstäbe an den Fenstern, das sind abgeschnittene Schaschlikstäbe und Zahnstocher.“ 

Foto: Siegfried Prüll
Foto: Siegfried Prüll
Siegfried Prüll hatte schon immer eine Leidenschaft für kleine Welten, war schon immer fasziniert davon, Realitäten in ewig stillstehende Miniaturen zu kreieren. Architektur zum Beispiel, die begeistert den Krippenkünstler. „In meinem Berufsleben bin ich viel herumgekommen, in der ganzen Oberpfalz, von Süd bis Nord, von West bis Ost, überall entdeckte ich die verschiedenen Baustile, fotografierte die Häuser und baute sie später detailverliebt nach.“ So entstanden Bauernhöfe und Bauernhäuser von unglaublicher Präzision, staunende Betrachter standen mit offenen Mündern davor und konnten kaum glauben, was sie sahen. Dann folgte die Wandlung vom Saulus zum Paulus. „Einst baute ich Dioramen, also militärische Schlachten, spezielle Szenen, bis ich meine Liebe zu Krippen entdeckte, jene Krippe in diesem Regensburger Schaufenster.“ Die Geschichte vom Krippenbauer Prüll nahm ihren Lauf – wie erfolgreich, das zeigt sich hier oben im Dachgeschoss. Wir stehen vor einer ganz besonderen Krippe, sie trägt den Namen: „Der Weg.“ Es ist, wenn man so will, der Weg von Siegfried Prüll und unser aller Weg …

Foto: Norbert Eimer
Foto: Norbert Eimer
… denn die Krippe zeigt das gesamte menschliche Leben. Diese Krippe fand in der Krippenausstellung 2005 in Regensburg vom jetzigen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der römisch-katholischen Glaubenskonkregation, hohe Anerkennung für ihren geistlichen und theologischen Tiefgang in der Darstellung. Der Weg beginnt links mit der Geburt im Stall/Haus. Das „Haus“ symbolisiert Familie, Liebe und Geborgenheit und führt weiter zum „Brunnen“, welcher Quelle für Wasser, Leben und Reinigung sowie zugleich Ort der Begegnung ist. Der Weg führt weiter durch ein „Tor“, das die Eröffnung für Neues und Unbekanntes, wie auch den Durchgang vom Diesseits ins Jenseits symbolisiert; weiter über den „Friedhof“ als Ort der Stille und Geborgenheit im Schoß der Erde, Ruhestätte unserer toten Körper und Ort der Vergänglichkeit. Im Friedhof steht ein „Kreuz“, Zeichen des Todes unseres Heilands Jesus Christus, Erlösung von den Sünden und Symbol unseres Glaubens, wie der ganzen Christenheit. Rechts vom Kreuz erhebt sich die „Kirche“, welche für die Gemeinschaft unseres Glaubens und als Ort der Sakramente und Liturgie, in dem das Heilsgeheimniss Gottes gegenwärtig bleibt, steht. Zuletzt erhebt sich im Hintergrund der „Ölberg“ als Hinweis auf Ostern als das Fest der Auferstehung Jesus Christus, der die Toten auferweckt und ins ewige Leben Gottes hineinführt.

Foto: Siegfried Prüll
Foto: Siegfried Prüll

„Diese Krippe ist etwas Besonderes für mich“, sagt Siegfried Prüll; und das hat viel zu bedeuten, denn der Krippenbauer hat weit über 100 Kunstwerke erschaffen. Dabei ist jedes einzelne ein wahres Meisterwerk, dutzende Arbeitsstunden stecken in jeder Krippe, sein Sohn Matthias modelliert die Figuren, seine Frau Annemarie näht die Kleider. Wer vor den Krippen steht darf sich sicher sein, dass jede historisch korrekt dargestellt ist – die alpenländische wie die orientalische, die oberpfälzische wie die neapolitanische. Wer mag daran zweifeln, wenn man mit dem Krippenmeister in einem Raum steht, der voll ist von Geschichtsbüchern aus aller Herren Länder. „Die Aufstellung der Figuren, die Anordnung von Tieren, Werkzeugen, Utensilien – alles hat seinen Sinn bei der Krippengestaltung.“ Die Worte von Siegfried Prüll dringen nur langsam wie von fern heran … wir blicken auf eine beleuchtete Krippe, unwichtig, welche, unwichtig, welches Thema der Krippe zugrunde liegt … es scheint, als würde man gänzlich von der Krippe hineingezogen werden, hypnotisiert von den Figuren, den Hirten, den Heiligen, den Engeln, die auf schier unglaubliche Weise real erscheinen. Man könnte sagen: ein Wunder. Man könnte sagen: Es ist Weihnachten.

Norbert Eimer

Ausstellung

Die Krippen von Siegfried Prüll sind landauf landab bekannt. Das historische Museum in Bamberg zeigt vom 27. November bis 8. Januar insgesamt 24 Unikate des Burglengenfelder Krippenbauers.
Sporthotel Ellmau